Landmusikort Kirchzarten – wie der Musikverein Kirchzarten den Ort prägt

2025 wurde Kirchzarten als Landmusikort des Jahres ausgezeichnet – ein Preis des Deutschen Musikrats und des Bundesmusikverbands Chor & Orchester für besondere musikalische Vielfalt im ländlichen Raum. Die Auszeichnung würdigt ein kulturelles Leben, das im Alltag längst sichtbar ist. Auch das Preisgeld wurde direkt vor Ort eingesetzt: Ein Sonnenschirm für den Schalampi-Platz schafft künftig mehr Raum für Begegnung, Vereine und Jugendarbeit.

Ein zentraler Motor dieses kulturellen Lebens ist der Musikverein Kirchzarten. Seit über 200 Jahren prägt er das musikalische Geschehen im Ort. Wir haben mit dem 1. Vorsitzenden Tobias Janz gesprochen.

Welche Rolle spielt euer Verein in Kirchzarten?
Tobias Janz: Wir sind im Ort sehr präsent und treten zu ganz unterschiedlichen Anlässen auf. Das sind klassische Termine im kirchlichen oder kommunalen Jahreslauf, aber auch Fasnet, Jubiläen oder Firmenfeiern. Dazu kommen unsere zwei großen Jahreskonzerte open air in der Talvogtei und im Kurhaus (Black Forest Studios). Außerdem gibt es kleinere Auftritte bei Festen, auf dem Giersberg oder bei befreundeten Vereinen in der Region.
Wir leisten so einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in Kirchzarten.

Gibt es Momente, in denen ihr merkt: Ihr bringt den Ort zusammen?
Ja, die gibt es! Durch unsere Auftritte zu verschiedenen Anlässen sind wir für sehr viele Bürgerinnen und Bürger sichtbar – über alle Altersgruppen hinweg. Dabei erleben wir die Musik tatsächlich als „Begegnungsräume“, die Menschen zusammenbringen und den Zusammenhalt stärken. Auch ganz konkret durch Kooperationen, etwa beim Schlossfest, das wir gemeinsam mit dem Akkordeon-Club und der Feuerwehr gestalten.

Was unterscheidet musikalisches Engagement im ländlichen Raum von dem in Städten?
Im ländlichen Raum ist die Bindung an die Vereinsstruktur vermutlich meist stärker ausgeprägt. Musik ist hier stärker in den Alltag und das Vereinsleben eingebunden. In meiner Wahrnehmung von außen hat das Ganze in Städten oft mehr Eventcharakter – und Auftritte werden eher „mitgenommen“, während im ländlichen Raum auch weniger günstige Termine als Teil des Vereinslebens akzeptiert werden.

Wie schafft ihr es, junge Leute für die Musik zu gewinnen?
Wichtig ist, zu zeigen, dass sich die Blasmusik stark verändert hat. Sie ist längst nicht mehr nur traditionell, sondern sehr abwechslungsreich – von Klassik über Pop und Schlager bis Filmmusik ist alles möglich.
Ein weiterer Punkt ist die soziale Komponente: Gemeinschaft, neue Kontakte, Teil einer Gruppe sein.
Darum bieten wir schon Kindern im Grundschulalter nach kurzer Ausbildungszeit die Möglichkeit, in der Jugend- oder „mittleren“ Kapelle mitzuspielen. So können auch Jugendliche oder Quereinsteiger früh gemeinsam musizieren.
Diese Erfahrung in der Gruppe prägt dann sehr stark.

Welche Bedeutung hat das Ehrenamt – und wo stoßt ihr an Grenzen?
Ohne Ehrenamt wäre unser Verein nicht möglich. Das betrifft viele Bereiche: Vorstand, Organisation, Verwaltung, Finanzen, Jugendarbeit, Noten- und Inventarverwaltung sowie Öffentlichkeitsarbeit. Auch bei Festen und Konzerten sind alle aktiven Mitglieder ehrenamtlich im Einsatz. Eine Grenze ist dort erreicht, wo der organisatorische Aufwand größer wird als das eigentliche Musizieren. Deshalb müssen wir gut abwägen, was wir leisten können.

Wie erlebt ihr aktuell die Rahmenbedingungen für eure Arbeit?
In Kirchzarten sind die Rahmenbedingungen sehr gut. Die Gemeinde unterstützt uns regelmäßig finanziell, hat aber auch sonst ein offenes Ohr – etwa bei Proberäumen, Auftrittsorten oder organisatorischen Fragen.
Es ist gut zu wissen, dass man auch in schwierigen Situationen nicht allein gelassen wird und gemeinsam Lösungen findet.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Vor allem genug Nachwuchs, viele Quereinsteiger und motivierte Mitglieder! Gerade bei Jugendlichen ist es oft so, dass sie das Hobby später wegen Studium, Ausbildung oder Beruf nicht mehr weiterführen können. Deshalb ist Nachwuchsarbeit entscheidend. Außerdem hoffen wir auf Unterstützung durch Förderer, passive Mitglieder und die Gemeinde. Der Verein lebt von Engagement auf allen Seiten.
Für Kirchzarten wünschen wir uns, dass es weiterhin viele und auch neue Auftrittsmöglichkeiten für alle musikalischen Gruppen gibt – gerne auch unkonventionell. Der Ort sollte offen bleiben für neue Ideen.

Und was war euer persönlichster Gänsehautmoment?
Das Jubiläumswochenende im vergangenen Jahr. Bei bestem Wetter und besonderer Atmosphäre im Dreisambad: zwei Konzertabende an einem außergewöhnlichen Ort. Am ersten Abend konnten wir The Brothers zuhören, am zweiten standen wir selbst gemeinsam mit Fuß & Friends auf der Bühne: mit eigens arrangierter Musik für Blasmusik und Rockband und einem Publikum auf Picknickdecken und Liegestühlen. Das war ein echter Gänsehautmoment – für uns und für Kirchzarten.

Vielen Dank!